Im September vergangenen Jahres, trafen sich Vertreter der fünf damals in der BVV vertretenen Parteien im Café des Sozialprojekts „Beratung + Leben“ der Evangelisch-Freikirchliche Beratungs- und Sozialdienste Berlin und Brandenburg in der Zelter-/Ecke Dunckerstraße, um mit den Gästen ins Gespräch zu kommen.
Sie unterhielten sich dort mit Menschen, die auf der sozialen Leiter ganz unten stehen: Obdachlose, Langszeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger, die den Anschluss an das soziale Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft längst verloren haben – mit jenen also, die auf diese Einrichtung angewiesen sind.
Hier gibt es kostenloses Mittagessen, Sozialarbeiter bieten Beratungen an, es ist ein Computerkabinett vorhanden, in den hinteren Räumen befinden sich die Büros der „Wohnhilfen“, die Unterstützung und Begleitung bei Obdachlosigkeit und Wohnungsnot leisten.
Die Parteienvertreter, die zugleich Kandidaten für die Bezirksverordnetenversammlung waren, hatten seinerzeit keine Zweifel an der Notwendigkeit der Einrichtung gelassen. Es war Wahlkampf.
Nur fünf Monate später steht das Ende des Sozialcafés bevor. Pankows Bezirksstadträtin für Soziales, Gesundheit, Schule und Sport Lioba Zürn-Kasztantowicz ließ die Betreiber wissen, dass der Zuschuss gut 150.000 Euro künftig nicht mehr geleistet wird. Im Haushalt 2012/2013 sei dafür kein Geld mehr vorhanden.
Die in den hinteren Räumen des Projektes arbeitende Wohnhilfe wird bleiben können – sie trägt sich durch „Fallzuwendungen“ des Sozialamtes finanziell selbst. Doch das Cafè, das nach Angeben von Johannes Kevenhörster, Leiter des „Sozialprojektes Prenzlauer Berg“, täglich sechzig bis 100 Besucher hat und das Computercabinet werden demnächst schließen.
Die Tagestätte, so Johannes Kevenhörster, ist als „niedrigschwelliges“ Angebot wichtig für die Arbeit des gesamten Sozialprojektes. Oft ist es das kostenlose Essensangebot, das Hilfsbedürftige, die man anders gar nicht mehr erreichen würde, das Café aufsuchen lässt.
Nicht selten lässt sich erst so ein erster Kontakt herstellen, um die nötige Hilfe überhaupt erst anbieten zu können: „Wir denken da nicht wirtschaftlich, sondern pädagogisch.“
Die Angebote reichen vom „niedrigschwelligen“ Computerkurs über Sozialberatung und Hilfe bei Ämterangelegenheiten bis hin zu einem „Jobcoaching“.
Die Mittel, die aus dem Pankower Etat kamen, waren aber nur ein Teil des Budgets, das für die umfängliche Sozialarbeit zur Verfügung stand. „Für jeden Euro vom Bezirk“, so der Leiter des Sozialprojektes Prenzlauer Berg, „haben wir noch einmal 1,89 eingeworben.“
Denn vieles geht nur über eine „Co-Finanzierung: Um an Fördermittel zu gelangen, benötigt man nicht selten einen
gewissen Eigenanteil. Auch der wurde von den Bezirkszuschüssen erbracht.
Nicht vom bezirklichen Geld, sondern von der Arbeitsagentur werden die derzeit neun MAE-Kräfte (sogenannte „1-Euro-Jobber“) bezahlt. Die sorgen unter anderem dafür, dass täglich das Essen für die Bedürftigen auf den Tisch kommt. Was sie nach der Schließung machen werden, ist ungewiss: Solche Arbeitsgelegenheiten werden von den Jobcentern nach den speziellen Bedürfnissen der anstragstellenden Trägern bewilligt. Sie können also nicht ohne weiteres anderswo eingesetzt werden.
Und die Schließung bringt noch vor ein weiteres Problem mit sich: Selbst wenn die Mittel des Bezirkes spätestens ab April nicht mehr fließen sollten und das Sozialcafé aufgegeben werden müsste – der Mietvertrag für die Räume ist so kurzfristig nicht zu lösen. Der Mietzins müsste also vom Projektträger bis zum Ende der Kündigungsfrist weiter bezahlt werden. Ohne dass es irgendeinen Nutzen hätte.
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