Letzte Klappe für Erich


 

In der großen Atelierhalle herrscht angespannte Stille. Die blutjungen Maskenbildnerinnen, die eben noch das Makeup des Stars erneuerten, sind verschwunden. Kurz den Hut zurechtgerückt, der Mantel sitzt perfekt – danach höchste Konzentration. Aus dem Hintergrund ertönen zum letzten mal die Rufe: „Licht?“ „An“! – „Ton?“ „Läuft!“ – „Kamera?“ „Läuft!“ – „Klappe!“ Einer der acht Kameraassistenten springt nach vorn, schlägt die Klappenteile aufeinander: „Erichs Rückkehr, die fünfhundersechsundsiebzigste“ – „Uuuund bitte!“
Knapp drei Minuten später ist auch die letzte Szene im Kasten; Beifall brandet auf, alle fünfhundert an dem Werk Beteiligten haben sich noch einmal am Set versammelt, um dem Regisseur und seinen Stars mit Standing Ovations ihre Huldigung darzubringen…

 
Alles gelogen! Keine Atelierhalle, keine 500 Mitwir-
kende, keine blutjungen Maskenbildnerinnen (auch keine alten) – und der Hauptdarsteller erscheint, so man sich ihm nähert, doch von recht gummihaftem Naturell… .

Irgendwo in Prenzlauer Berg, nahe an der Schönhauser Allee, in einem der wenigen noch in ruinenhaftem Zu-
stand befindlichen Gebäude, haben Ingo und Ralph Woesner („Woesner Brothers“) drei Monate lang zu-
sammen mit einem kleinen Team ihre Politkomödie „Erichs Rückkehr“ aufs Zelluloid… – auf eine Festplatte gebannt. Die Geschichte entstammt einem ihrer Stücke gleichen Namens, mit dem die beiden die Zuschauer in ihrem Komödientheater am Pfefferberg zum Lachen brachten.
Das alte Theater gibt es nicht mehr und die Querelen um den Bau des neuen Theaters zogen sich hin – also

nutzten die Komödianten die Zeit, um die Geschichte vom geklonten Erich H. zu verfilmen.
Und die geht ungefähr so: Im November 1989 stellen DDR-Wissenschaftler im Auftrag des Politbüros einen Honecker-Klon her, um den alten Staatsratsvorsitzenden durch einen vitaleren zu ersetzen. Mal davon abgesehen, dass einige Verhaltensweisen des neuen H. nicht unbedingt immer dem des Originals entsprachen – mit dem Mauerfall war das Double überflüssig. Es wurde in ein Koma versetzt, versteckt und dann vergessen. Zwanzig Jahre später wird es zufällig entdeckt und erwacht zu neuem Leben.

Erich II bringt nicht nur das Regierungspärchen Angela/Guido zur Verzweiflung, sondern auch noch das ganze Staatssystem an den Abgrund… .
Eine ziemlich verrückte Geschichte also – nicht minder verrückt allerdings war die Idee, daraus mal eben einen Film zu machen.

Ein Budget war quasi nicht vorhanden, kein Team und Darsteller erst einmal auch nicht. Das letztgenannte Defizit wurde recht unkonventionell behoben: Man baute sich seine Mimen selbst.
Auch so ein Abenteuer. Denn als Puppenhersteller waren die Woesner-Brüder bisher noch nicht auffällig geworden. Also machte sich Ralph Woesner sich über die Herstellungstechniken kundig, befragte auch pro-
fessionelle Puppenproduzenten und machte sich dann selbst ans Werk.

„Man braucht für so etwas wohl ein Menge Naivität“, sagt er heute, „sonst würde man somanches gar nicht erst beginnen.“ Eine Feststellung, die irgendwie auch auf das gesamte Projekt zutrifft…

Sämtliche Gummi-Mimen wurden von ihm schließlich entworfen und gebaut – etwa zwanzig waren es zum Schluss. Promis wie Angela Merkel, Guido Westerwelle, Gerhard Schröder oder eben Erich Honecker wurden an Hand von Fotos modelliert. Das Aussehen der anderen Gesichter diktierten die Phantasie und der Charakter der jeweiligen Figur. Nicht aus Latex und Farbe konnte der größere Rest des Drehteams hergestellt werden: Kameramann, Techniker, Szenenbildner, Schauspieler, die die Puppen führen und ihnen ihre Stimme geben.

Als man endlich alles und alle beisammen hatte, war das ursprünglich vorgesehene Datum des Drehbeginns längst überschritten. Immerhin eine Gemeinsamkeit mit herkömmlichen Filmproduktionen… .

Und später, der Dreh lief längst auf Hochtouren, da wurde öffentlich via Facebook gestoßseufzt: „Warum hat uns keiner gewarnt! Einen No-Budget-Film mit menschengroßen Puppen zu machen, die weder laufen, noch greifen, noch selbstständig pinkeln gehen können, scheint uns heute – nach sechs Wochen Dreh – etwas größenwahnsinnig.“
Nun, jener Teil des Größenwahns wurde in der vergangenen Woche erfolgreich abgeschlossenen – der nächste aber steht bereits bevor: Der Schnitt.
Mindestens ein halbes Jahr werde der wohl dauern, erklärt Ralph Woesner, um dann festzustellen: Ende des Jahres ist Premiere. Kurz nachgerechnet…ah ja…

 

 

http://www.youtube.com/watch?v=JceFSUOXLTY

Im vergangenen Jahr erlebte „Erichs Rückkehr“ im Meistersaal am Potsdamer
Platz eine „szenische Lesung“. Einige Ausschnitte davon sind im Video zu sehen

 

Und hier gehts zur Fanseite von Erichs Rückkehr… also dem Theaterstück

 

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