Keine Torte für den Pfefferberg

Das, was man hier sieht, ist ein Denkmal. Es steht daher unter Denkmalschutz. Das was man hier sieht, ist eine Ruine. Laut eines Gutachtens ist sie mit wirtschaftlich vertretbaren Mitteln eigentlich nicht mehr zu sanieren. Sie ist so marode, dass sie in zwei oder drei Jahren in sich zusammenfallen könnte. Diejenigen, die dem Platz der Demkmalruine wieder Leben einhauchen wollen, sind Ralph und Ingo Woesner, genannt die „Woesner-Brothers„. Die beiden Schauspieler haben vor, dort ein Komödientheater errichten und wollen da das fortsetzen, was sie bereits in einer provisorischen Spielstätte auf dem Pfefferberg begonnen hatten. Sie beauftragten einen

Ralph Woesner: Theater ohne Subventionen

Architekten, der ihnen ein Modell erarbeitete. Dafür erhielten sie 2009 vom Stadtentwicklungsamt Pankow einen Bauvorbescheid, in dem auch eine Abrissgeneh-
migung für die Ruine „in Aussicht gestellt“ wurde. Geplant war, das Theater im Herbst 2011 einzuweihen.
Allerdings zeigte sich, dass das Modell einige Mängel hatte. Der Hauptmangel: Es gab nicht genug Platz. Da nicht nur der Theaterbau, sondern auch der Theaterbe-
trieb ohne Subventionen aus kommen soll, war eine bestimmte Anzahl von Zuschauerplätzen unabdingbar. Um die Mindestanzahl von 220 Sitzen zu erhalten, blieb nach Abwägung aller Varianten nur eine Möglichkeit übrig: Eine Verbreiterung des Baus um drei Meter.

Ingo Woesner: Kampf mit den Denkmalschutzbehörden

Damit allerdings kamen die Woesner-Brüder bei der (bezirklichen) Unteren Denkmalschutzbehörde gar nicht gut an.

Kampf um jeden Meter

Zwar hatte man die Genehmigung für den Abriss „in Aussicht gestellt“, einen Neubau aber nun aber um nur 300 Zentimeter zu verbreitern – das widersprach offenbar allen denkmalschützerischen Grundsätzen. Selbst als als seitens der Woesner-Brüder der Erhalt der Originalfassaden angeboten wurde, die sie mittels eines aufwändigen technischen Verfahrens um die besagten drei Meter verschieben lassen wollten, blieb das Signal der Behörde auf „Rot“.
Bei den Bezirksverordneten hingegen stießen die beiden Schau-
spieler ausnahmslos auf Zustimmung. In einem ohne Gegenstimmen angenommenen Antrag forderte die BVV das Bezirksamt auf, „darauf hinzuwirken, dass im Prozess der Abwägung zwischen den Belan-
gen des Denkmalschutzes und der kulturellen und städtebaulichen Revitalisierung der Entscheidungsspielraum zu Gunsten der Realisierung dieses frei finanzierten Konzeptes genutzt wird“.

Die Denkmalschutzbehörde zeigte sich davon allerdings unbeeindruckt.

Die Tortenlösung

Um wieder Bewegung in die verfahrene Situation zu bringen, ließen die Woesners von ihrem Architekten eine weiteres Modell ausarbeiten: Ein Anbau in der Form eines Tortenstückes. Da die Seitenfassade der „Torte“ ihr historisches Äußeres behält, entsteht der Eindruck, als wäre das Gebäude an dieser Stelle aufgeklappt worden Ingo Woesner: „Wir waren von der Idee begeistert, allerdings auch ziemlich unsicher, welche Reaktionen dieser Entwurf bei der Leiterin der Pankower
Denkmalschutzbehörde auslösen würde.“

Denkmalschützerin Kerstin Lindstädt: ''Charmante Lösung''

Am 10. November wurde die Tortenvariante den Vertretern der Denkmalsschutzbehörden vorgestellt. Daran nahm neben den Pankower Denkmalschützern auch Baudenkmalpfleger Wilhelm Fuchs vom Landes-
denkmalamt teil. „Unser Bauvorschlag“, erinnert sich Ingo Woesner, „wurde überraschend positiv aufgenom-
men. Bei diesem Treffen wurde uns dann auch die Genehmigungsfähigkeit der ‚Torte‘ in Aussicht gestellt.“
Auf der Sitzung des BVV-Ausschusses für Stadtent-
wicklung und Wirtschaftsförderung vom 25. November, auf dem auch erstmals die Pläne der „Torte“ verteilt wurden, wurde dieser Eindruck bestätigt. Die Pankower Denkmalschutzchefin Kerstin Lindstädt bekannte, sie fände den Entwurf „sehr charmant“. Und auch Baustadtrat Michail Nelken ließ keinen Zweifel daran,

Stadtentwicklungsausschuss: ''Torten''-Lösung begrüßt

dass die Denkmalschutz-Hürde nun endlich genommen sei. Die Bezirksverordneten zeigten sich zufrieden und begrüßten die gefundene Lösung.

Theater-Torte verHASPELt

Doch das Glück währte nur kurz. Obwohl bei der Zusammenkunft, auf der die „Torte“ auf ungeteilte Zustimmung stieß, mit Wilhelm Fuchs ein kompetenter Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes mit am Tisch saß, hieß es nun von seiten des von Stadtrat Michail Nelken geführten Pankower Stadtentwicklungsressorts: Sicher ist noch gar nichts, erst müsse noch der Chef

Landeskonservator Jörg Haspel: Auf Tauchstation

des Landesdenkmalamtes sein Placet geben. Doch Landeskonservator Jörg Haspel war in der Sache Komödientheater Pfefferberg von Stund an für niemand mehr zu sprechen. Für die Woesner Brüder nicht, nicht den Medien gegenüber (eine im November gestellte und mehrfach wiederholte Anfrage der Prenzlberger Stimme harrt bis heute ihrer Beantwortung) und auch aus der Umgebung von Stadtrat Nelken war zu vernehmen, dass man sich wochenlang vergeblich um einen Kontakt mit Landesdenkmalchef Haspel bemüht habe.
Michail Nelken selbst interpretierte das Abtauchen von Jörg Haspel gegenüber der Prenzlberger Stimme im Nachhinein wie folgt:

Michail Nelken: Landesenkmalamt hat sich ''mit dieser Angelegenheit intensiv beschäftigt''

„Nach meinem Wissen hat das Landesdenkmalamt sich mit dieser Angelegenheit intensiv beschäftigt und auch Gespräche mit den Vorhabenträgern geführt. Ich und die Untere Denkmalschutzbehörde werden in kürze über das Ergebnis dieser Gespräche durch das LDA informiert werden.“

Am Freitag, dem 8. Januar schließlich erreichte die Woesner-Brüder die Entscheidung des obersten Denkmalschützers des Landes Berlin. Professor Jörg Haspel lehnt die „Torte“ vehement ab – und desavouiert damit ganz nebenbei seinen Mitarbeiter Wilhelm Fuchs, der bei dem Treffen vom 10. November namens des Landesdenkmalamtes seine Zustimmung signalisiert hatte.
Stattdessen soll nach dem Willen Haspels ein quaderförmiger Anbau erfolgen. Eine Entscheidung, die niemand nachvollziehen kann.

Ruinöses Schankhallen-Theater

Nicht nur die Gebrüder Woesner sind über diese Brachialvariante entsetzt. Dem Vernehmen nach ist man auch in der bezirklichen Denkmalschutzbehörde über den einsamen Ratschluss des Landeskonservators „not amused“.
Wie es nun weitergeht, ist erst einmal ungewiss. Dass es Stadtrat Michail Nelken auf eine Auseinandersetzung mit der Landesbehörde ankommen lässt, erscheint wenig wahrscheinlich. Und die Woesners sind noch am Überlegen, wie sie auf die Enscheidung Haspels reagieren sollen.
Das Theater um die Schankhallen-Ruine scheint noch nicht zu Ende zu sein.

 

 

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