Nazis haben es ja auch nicht immer ganz leicht. Zum Beispiel dann nicht, wenn sie eine Veranstaltung zu einem bestimmten Thema anmelden und plötzlich einen unwiderstehlichen Zwang verspüren, über etwas völlig anderes herziehen zu müssen.
So, wie am Montag in Buch.
Da sollte eigentlich die übliche Hetze gegen Flüchtlinge auf dem Programm stehen. Doch dann entdeckte Versammlungsleiter Christian Schmidt (NPD) am Rande des Zusammentreffens plötzlich den Leibhaftigen.
Den leibhaftigen ODK.
Entschlossenen Schrittes machte sich der Pankower Nazi-Chef also auf den Weg zu jenem, der da ein paar Meter abseits von der Ansammlung stand und in dem er Luzifer persönlich erkannt zu haben glaubte.
„Sind Sie Olaf Kampmann, Prenzlberger Stimme?“
Der Gottseibeiuns konnte es nicht leugnen.
„Ich erteile Ihnen einen Platzverweis.“
???
„Mit ihren Lügen, die Sie verbreiten, stören Sie die Veranstaltung. Verschwinden Sie.“
Ein hinzugetretener Polizeibeamter machte sich die Mühe, klarzustellen, dass Platzverweise üblicherweise nur von der Polizei ausgesprochen werden und wies darauf hin, dass freie Berichterstattung zu den Grundlagen unseres Staatswesens gehört. Unschön für Schmidt, aber für den Moment konnte er daran nichts ändern.
Nachdem der verhinderte Teufelsaustreiber also kehrt machen musste, bat ein anderer Beamter den Berichterstatter, doch ein paar Schritte zurückzutreten. Damit die Versammelten sich durch mögliches Fotografieren nicht provoziert fühlten.
Doch kein Eskimo
Kaum wurde der Bitte Folge geleistet, löste sich eine weitere Figur aus der rund 80 Personen zählenden Gruppe.
Der erste Gedanke: ‚Das muss ein Eskimo sein.‘
Nicht, dass der junge Mann, der sich da plötzlich vor dem Prenzlberger Beelzebub aufbaute, im traditionellen Gewand der Inuit erschienen wäre – das hätte wohl auch dem tieferen Sinn der Veranstaltung widersprochen.
Vielmehr begründete sich die Vermutung zum einen aus der körperlichen Nähe, die der junge „besorgte Bucher Bürger“ zum Prenzlauer Berger Höllenfürsten suchte und zum zweiten aus der Kenntnis der Sitten der alten Grönländer. Die nämlich reiben sich zur Begrüßung einander die Nasen.
Doch der junge Volksgenosse rubbelte nicht.
Vielmehr drängte es ihn, hautnah eine wichtige Frage loszuwerden. Die Stimme um zwei Oktaven unter Normal gesenkt und wohl hoffend, dadurch höchst gefährlich zu wirken, entschlüpfte seinem Kehlkopf ein fast schon gehauchtes Raunen.
„Warum bist du nicht bei deinen Kumpels?“
„Hä?“
„Bei deinen Kumpels.“
„Welchen Kumpels?“
„Den anderen.“
„Äh…“
„Den Linken, bei deiner Antifa.“
„Ah ja, meine… – ähhm… ich hab gar keine eigene Antifa. Aber bei den anderen war ich schon. Nun bin ich hier. Weil ich auch von hier berichten möchte.“
Das Gesicht des besorgten Bucher Jungbürgers kam noch drei Zentimeter näher. Wollte er vielleicht doch noch rubbeln? Nein, wohl eher nicht.
„Du schreibst Lügen.“
„Nö.“
„Du lügst“
…
„Du schreibst Lügen über uns…“
Der Polizeibeamte, der direkt daneben stand, sah während des lustigen Dialogs diskret zur Seite. Möglicherweise deshalb, weil er auf Grund der fast schon intim zu nennenden Körpernähe und den möglicherweise von ihm als erotisch eingestuften Klang des raunenden Hauchens ganz andere Motive, als die tatsächlichen für die Annäherung des Jungmannes an den Berichterstatter vermutete. Man weiß es nicht.
Das angestrengte Desinteresse des Polizisten hielt auch noch an, als der stramme Bursche sein Smartphon zückte, es dem Berichterstatter direkt vors Gesicht hielt und dessen so ins Visier genommene ebenmäßige, von klassisch- griechischer Schönheit geprägte Antlitz mittels Blitzlichtfotografie ablichtete. Und erst nachdem auch die fotografische Dokumentation des auf der Brust des Berichterstatters baumelnden Presseausweises abgeschlossen war, bat der Polizist den besorgten Bucher Bürger, sich doch wieder zu seinen Mitversammelten zu begeben. Es war derselbe Beamte, der sich zuvor darum sorgte, dass sich die Kundgebungsteilnehmer vom möglicherweise fotografierenden Journalisten provoziert fühlen könnten…
Kurz darauf hatte der Pankower Nazi-Vorsitzende das Mikrofon ergriffen – doch wer nun sogleich die gewohnte Hetze gegen Flüchtlinge erwartete, sah sich getäuscht. Flexibel, wie er ist, hatte er erstmal ein anderes Thema gefunden.
Nämlich dass „…hier unabhängige Journalisten rumrennen von der Prenzlberger Stimme, wie Olaf Kampmann…, letzte Woche Montag, die Demonstration, zu einer Art Nazi-Aufmarsch hatte er es erklärt… unsere Teilnehmerzahl hatte er auf 120 runtergelogen… geschrieben, dass wir gerufen haben ‚Buch ist Weiß‘ oder Buch bleibt Weiß‘ oder den ganzen Schwachsinn. Wir haben jetzt gesagt, er soll am besten von der Demonstration fern bleiben zu seiner eigenen Sicherheit…“
Schmidt hält seine Anhänger für gewaltbereit
Dass Schmidt den kleinen Lügenbold gab (weder stand im Bericht etwas von „Buch bleibt Weiß“, auch wurde die Teilnehmerzahl nicht mit 120 angegeben) – geschenkt.
Aber wie würden die Teilnehmer der Veranstaltung darauf reagieren, dass der NPD-Chef sie gerade eben als potenzielle Gewalttäter gebrandmarkt hatte? Würden sie mal kurz dazwischenrufen: „Hey, Schmidt, jetzt gehste aber ’n bisschen zu weit!“?
Ach was.
Christian Schmidt fuhr unbehelligt fort: „Könnt ihr euch mal merken: Olaf Kampmann, Autor der Prenzlberger Stimme, wird nachher wohl wieder was schreiben von einem Obernazi oder sonstewas. Wie gesagt, merkt euch das Gesicht. Vielleicht kann man ihn ja mal in Prenzlauer Berg ansprechen, was er hier für Scheiße macht.“
Und darauf gab´s erstmal… Beifall.
Dann endlich sah sich der Pankower Obernazi in der Lage, sich dem eigentlichen Zweck der Zusammenkunft widmen.
Aber offenbar waren ihm die Prenzlberger Stimme und deren Macher so sehr ans Herz gewachsen, dass er noch zweimal auf das kleine, aber feine Webportal aus Prenzlauer Berg zurückkam. Möglicherweise träumt er nachts schon davon. Wer weiß, wer weiß…
Doch auch der nächste Redner, ein älterer Herr um die 65, der sich in seltsamer Syntax um die Sicherheit seiner Kinder besorgt zeigte, konnte dem Drang nicht widerstehen, Werbung für das schönste Online-Magazin von Berlin zu machen.
Als dann auch noch der dritte Redner in Folge sich der Prenzlberger Stimme widmete, beschlich den Berichterstatter ein ungutes Gefühl: Was, wenn die Polizei nun plötzlich einschreiten und die Veranstaltung mit der Begründung auflösen würde: Thema verfehlt?
Nein, das wollte er dem braunen Häuflein, das sich immer wieder etwas weinerlich darüber beklagte, dass man einen von Nazis angemeldeten, von Nazis organisierten und von Nazis angeführten Aufmarsch „Naziaufmarsch“ nennt, nun nicht auch noch antun. Also schwang er sich aufs Rad und fuhr nach Hause.
Weitere Artikel zum Thema:
Buch: Nazimarsch gegen Flüchtlinge
Buch: Demonstration gegen Fremdenhass
Senator Czaja: Neues Flüchtlingsheim in Buch





Nicolas Drathschmidt via Facebook
Nov. 27. 2014
Traurige Veranstaltung.. gibt eine Gegendarstellung eines „unabhängigen“ Journalisten….. Sie seien ja alle keine Nazis, aber…
Danke für die Berichterstattung von diesem angeblichen Bürgerprotest geführt von NPD-Kadern!
Frank N Stein via Facebook
Nov. 27. 2014
wo war denn der Leithammel mit dem Krampf im rechten Arm? Der zeigt sonst immer den Weg…
Benji Schneider via Facebook
Nov. 27. 2014
und schmidti wieder an vorderster front…meine güte, wie die welt sich dreht…. / schmidt ist nen wannabe-nazi…nach der schule die falsche abzweigung genommen…und die falschen pilze aufm weg eingesammelt. er muss ordentich hart aufm mund fallen um wieder aufzuwachen…weg von diesem denken… / btw: super geschrieben ;–)
Hanna
Dez. 02. 2014
ihr alle, die da dämlich rumprotestieren, die gegen die und die andern gegen die andern und für oder gegen was , ihr alle vertreibt genau damit die bewohner, weil zb. alte leute angst bekommen wegen der nazizeit. ihr bewirkt damit genau das gegenteil. da sollten alle mal drüber nachdenken.
die flüchtline tun keinem was, ….aber ihr verbreitet angst und panik.
mein vater zieht nun mit 81 jahren aus seiner 40 jahre alten wohnung.
denkt mal drüber nach, was hinter den fenstern und türen in den wohnungen los ist, wenn ihr so dicht in den engen straßen gröhlend rumbrüllt………!!!!!!!!!