Berlin brauche eine Gründerzeit „mit Markanz und Brutalität“, da bedeute Stadtplanung nichts anderes als „gutorganisierte Verdrängung“. Die Alteingesessenen, von den Fans des Quartiers liebevoll als „Bergvolk“ charakterisiert, müßten weichen – nach Kleins Ansicht in die gesichtslosen Plattenbauten am Stadtrand, die „Staubsauger von Hellersdorf und Marzahn“.
Aus: DER SPIEGEL 14/1991
Als DER SPIEGEL im Frühjahr 1991 jene Worte von Hanno Klein, seinerzeit „Investitionsbeauftragter“ des damaligen Bausenators Wolfgang Nagel (SPD), zitierte, wurde das – bei aller öffentlichen Empörung, die diese Äußerung nach sich zog – noch als unzulässige Übertreibung eines Einzelnen wahrgenommen. Nun, 22 Jahre und vier vollendete Sanierungsgebiete später, erscheinen eine Kleins Worte lediglich als die sachliche Formulierung der damals bevorstehenden sozialdemokratischen Stadtentwicklungspolitik.
Denn die Verdrängung wurde tatsächlich „gut organisiert“: Sei es durch einen dem Senator Nagel im Amte nachfolgenden Peter Strieder, der so lange einen angeblichen Wohnungsüberschuss herbeiredete, bis ihn die Rechtsprechung beim Wort nahm und sowohl Zweckentremdungsverbot als auch den Mietwucher-Paragraphen für obsolet erklärte; sei es durch eine Ingeborg Junge-Reyer, die bis zu ihrem Abgang im Herbst 2011 von einem „erheblichen Leerstand“ phantasierte.
Doch es würde zu kurz greifen, nur den sozialdemokratischen Amtsträgern die Verantwortung für die mit „Markanz und Brutatlität“ organisierte Stadtplanung zuzuweisen. Denn die SPD – wiewohl knapp zweieinhalb Jahrzehnte für die Bau- und Wohnungspolitik in dieser Stadt zuständig – regierte ja nie allein. Doch weder von der CDU, noch von der PDS/Linke wurde auf die verheerende Wohnungspolitik der SPD wirklich wirksam Einfluss genommen.
Immerhin waren Hanno Klein die seinerzeit angestammten Bewohner Prenzlauer Bergs noch als eine Art Staub gegenwärtig.
Dem heutigen Stadtentwicklungssenator Michael Müller aber sind all jene, die aus ihrem heimatlichen Kiez, ihren sozialen Zusammenhängen verdrängt, vertrieben und dann bestenfalls von den „Staubsaugern von Hellersdorf und Marzahn“ eingesogen wurden, nicht mal mehr einen Nebensatz wert.
Warum auch? Staub wird nur wahrgenommen, solange er in Sichtweite ist.
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