Straße der Besten

Als der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama Anfang der neunziger Jahre vor dem Hintergrund der Implosion des sozialistisch-kommunistischen Weltsystems das „Ende der Geschichte“ postulierte, herrschte allgemeine Verunsicherung: Was sollte nach einem solchen Ende noch kommen – außer dem allumfassenden Nichts? Doch da die Geschichte Fukuyamas‘ Postulat trotzte und einfach weiterlief, war die mangelnde Praktikabilität jener Theorie bald offensichtlich.
Im Bezirk Pankow versucht man es nun mit der Umkehrung der fukuyamaschen These: Das Jahr 1990 war demnach nicht der Zeitpunkt, an dem die Geschichte ihr Ende gefunden hatte, sondern erst begann.

Und tatsächlich: Sollte sich demnächst ein unbedarfter Besucher in die erste Etage des Pankower Rathauses verirren und der dort gehängten Tafeln gewahr werden, so muss er zwangsläufig den Eindruck gewinnen, vor 1990 hätte es in den dort aufgeführten Bezirken keine Bürgermeister gegeben. Der Bedarfte hingegen wird – vor allem dann, wenn er bereits in den Zeiten vor dem nun offiziell ausgerufenen Historienbeginn in einem der drei Alt-Bezirke ansässig war – an die Bild- und Geschichtsretuschen einer vergangenen Epoche erinnert.

Dass dieser unschöne Eindruck entstehen kann, liegt nicht etwa daran, dass erst ein Teil jenes BVV-Beschlusses umgesetzt worden ist, auf dessen Grundlage die Installation der Tafeln erfolgte. Vielmehr ist es der Beschluss selbst, der solcherlei Irritationen hervorbringt. Denn da wurde fein säuberlich getrennt: Hier die kritiklose Aufstellung der nachneunziger Amtsinhaber – dort die „historisch-kritische Würdigung der Biographien der ehemaligen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister“ der drei Altbezirke „seit der Gründung Großberlins.“
 

Selbstbeweihräucherung statt Sichtbarmachung demokratischer Traditionen

Der BVV-Beschluss trägt den Titel „Demokratische Traditionen sichtbar machen“. Ohne jede Frage: Bei den nun durch die Anbringung der Tafeln Gehuldigten handelt es sich durchweg um ehrenwerte Personen, die nach anerkannten demokratischen Verfahren in ihr Amt gelangten. Aber was, bitteschön, unterscheidet sie darin von den Prenzlauer Bergern Kurt Exner und Otto Ostrowski, was vom Weißenseer Emil Pfannkuch oder vom Pankower Wilhelm Kubig? Die demokratischen Traditionen im Großbezirk Pankow reichen bedeutend weiter als bis 1990 zurück – mit der alleinigen Darstellung der Bezirksbürgermeister der Nachwendezeit werden diese Traditionen nicht aufgezeigt, sondern verdeckt. Denn die Herausstellung der einen zieht die Verdrängung der anderen nach sich. Was bleibt, hat den Ruch einer Selbstbeweihräucherung der Heutigen und kommt allenfalls einer sehr selektiv angelegten „Straße der Besten“ nahe.

 

Wenn, dann alle

Darüber hinaus: Sollte es bei der bloßen Aufzählung der Amtsinhabern und ihrer Wirkungsjahre bleiben, gehören alle Bezirksbürgermeister der drei Stadtteile auf diese Tafeln – auch dann, wenn sie in keiner Weise den Vorstellungen demokratisch legitimierter Bezirksoberhäupter entsprechen. Denn sie waren nun einmal im Amt und gehören zur Geschichte des Bezirkes. Heutzutage eher albern anmutende Retuschen der historischen Abläufe und ihrer handelnden Personen sollten nun wirklich der Vergangenheit angehören und sind mit Sicherheit nicht dazu geeignet, „demokratische Traditionen sichtbar (zu) machen“.

 

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Kommentar zu “Straße der Besten”

  1. Michael Springer

    Jan. 09. 2012

    Es ist ein bemerkenswerter Vorschlag, weil eine Gesamtschau aller Bürgermeister einen erhellenden Blick auf die ganze Geschichte öffnet.

    Wilhelm Kubig als Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in der November-Revolution 1918 – der nach der Umbruchzeit des ersten Weltkriegs, 1922 aus der USPD in die SPD übertrat.
    Emil Pfannkuch als Sozialdemokrat inmitten der Unruhen der Weimarer Zeit in der Hochburg der kommunistisch geprägten Arbeiterbewegung, die sich an die Spitze des Widerstands gegen die Nazis stellte.

    Otto Ostrowski als 1933 von den Nazis entlassener Bürgermeister von Prenzlauer Berg, der in der Nachkriegszeit noch Bürgermeister von Berlin-Wilmersdorf wurde.

    Und Kurt Exner, der nach Schwierigkeiten mit der sowjetischen Kommandantur nach West-Berlin wechselte und erster Nachkriegsbürgermeister in Neukölln wurde – und später noch in West-Berlin Senator für Arbeit und Soziales wurde.

    Wer sich genauer mit der Geschichte befassen möchte – kann auf wertvolle Vorarbeit bauen: das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin hat eine Dokumentation erstellt:

    Berlin und seine Bürgermeister:
    http://www.berlin.de/rbmskzl/rbm/galerie/

    Und in Pankow sind der Freundeskreis Chronik Pankow e.V. , die Weißenseer Heimatfreunde e.V. und auch der Museumsverbund sehr aktiv bei der historischen Aufklärung der Geschichte.

    Letztlich darf ein ganz irdischer Grund nicht außer Acht gelassen werden:

    Geschichte kostet Geld – das in den Kultur-Etat eingestellt werden muß!

    meint:
    Michael Springer
    redaktion@kultur-in-pankow.de

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